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Ein besseres Leben nach Apartheid

Eine Familie in Lavender Hill Eine Familie in Lavender Hill Fotos: © Madeleine Londene
Lucinda betreut und hilft Frauen und Kinder im Township. Unsere Gastautorin begleitet sie in Lavender Hill.

Madeleine Londene - Lucinda nimmt die Frau in ihre Arme. Eine feste, innige, starke Umarmung. Die Frau weint leise. Von draußen ertönt Radiomusik - „easy like a sunday morning“ flattert durch die Lüfte und dringt in die offenen Spalten zwischen den Metallplatten und Plastikplanen. Das Kindergeschrei von vorhin scheint sich langsam zu entfernen, bis nur noch der starke Wind zu vernehmen ist, der aufgeregt gegen das Plastik peitscht. Lucinda ist eine große Frau mit einem selbstbewussten Auftreten. Heute trägt sie ein buntes Kleid und Schuhe mit leichtem Absatz. Ein Tattoo ziert ihren Knöchel und den festen Oberarm, die kurzen burschikosen Haare hat sie an den Seiten glatt gegelt und am Scheitel spitz nach oben gestylt. Die weinende Frau richtet ihren gesenkten Kopf auf und Lucinda nimmt ihr Gesicht in die Hände. Sie blicken sich gegenseitig an und keiner sagt ein Wort. Sharmey weint aus Trauer. Und aus Erleichterung. Ihr Ehemann ist vor drei Tagen dem Krebs erlegen, sie hatte ihn noch bis zu seinem Tod gepflegt und versorgt. Bis zum bitteren Ende ist sie an seiner Seite gewesen, als liebende Ehefrau und starke, gebende Mutter. Ein Mann, der sie 25 Jahre lang misshandelt hatte, ihr ein Messer in die Brust und damit die Lunge durchgestochen hatte. Ein Ehemann, der ihr selbst im Krankenbett noch das Leben zur Hölle machte und sie physisch, wie psychisch demütigte. Doch trotzdem weint sie, weil sie ihn liebt. Und weil sie ihn braucht.

Das Leben in den Townships unterscheidet sich nicht viel von dem was wir kennen. Kinder spielen auf der Straße Fangen, Frauen hängen die Wäsche auf und Männer sehen Fern. Doch gibt es etwas, das das Alltägliche in den Cape flats die Leichtigkeit nimmt: Die Angst. Keine Angst, wie wir es kennen, vor zu schnell fahrenden Autos, oder beißenden Hunden. Nein, hier haben die Mütter Angst vor den gierigen Blicken der Männer: ihrer Ehemänner, ihrer Söhne und Nachbarskinder. Die Angst davor, dass die Tochter nach dem Gang zur Toilette nicht nach Hause kommt, vergewaltigt oder erschossen wird. Dass der Sohn von Gangstern entführt und zum Drogenmissbrauch gezwungen wird, oder dass sie selbst Opfer einer Gewalttat werden. Es ist nicht die massive Armut, die die Menschen hier unglücklich macht, es ist die Aussichtslosigkeit und die Furcht vor Unabhängigkeit, vor allem bei den Frauen. Lavender Hill zählt zu den Cape Flats, einem dicht besiedelten Gebiet in der Provinz Westkap. Bis zum Jahre 1950 blieb das Gebiet fast unbewohnt. Die Apartheidsregierung schuf daraufhin Behausungen für die schwarze und farbige Bevölkerungsgruppen Südafrikas, die ab dem 1950 erlassenen Group Areas Act nicht mehr im Zentrum der Stadt leben durften. Infolgedessen wurden die Bewohner der Bezirke District 6, Simonstown und Constantia über die Folgejahre hinweg zwanghaft in das Flachland umgesiedelt. Nicht selten arteten diese unfreiwilligen Umzüge in gewaltvolle Auseinandersetzungen aus und verstärkten die Spaltung der Südafrikaner zusätzlich. Die Unzufriedenheit mit der Regierung, die Armut, Arbeitslosigkeit und das häufige Aufkommen von Gangkriegen versetzen die Menschen dort in einen konstanten Schwebezustand der Furcht aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.

Lucinda Evans, Gründerin der NGO Philisa Abafazi Bethu - engl. „heal our women“- versucht seit 8 Jahren mit allen Mitteln das Leben für die Frauen und Kinder in Lavender Hill zu verbessern. Von ihrer Arbeit macht sie keinen Cent Profit, opfert allerdings jede Stunde ihrer Woche den Hilfebedürftigen. Sie selbst ist dort groß geworden und kennt die inneren Kämpfe und den Schmerz, der den Bewohnern des Townships täglich wiederfährt. Die Motivationslosigkeit und die Angst führt zu Drogenmissbrauch und eigener Vernachlässigung. Bei Philisa Abafzi Bethu haben die Frauen und Kinder eine Möglichkeit sich untereinander auszutauschen und über ihre Probleme zu sprechen. Des Weiteren bietet Lucinda ihnen die Option an mit ihnen vor Gericht zu gehen oder mit der Polizei in Kontakt zu treten. Als wir diese Woche die Hausbesuche unserer Frauengruppe vorgenommen hatten, trat das Elend und das Leid der Bewohner noch einmal stark hervor. Lucinda wird von den Frauen und Mädchen in den engen, dreckigen Gassen Lavender Hills wie Mutter Theresa empfangen. Jeder kennt  ihren Namen  - auch die Gangster. Sie umarmt, hört zu und tröstet. Das ist ihre Stärke, sich Anderen anzunehmen und ohne Einhalt zurückzugeben.

Wieder peitscht der Wind gegen die unstabile Hauswand und bläht das Plastik. Sharmeys Hände zittern und Lucinda redet in Xhosa ruhig auf sie ein. Die Frau nickt und sieht uns kurz an, sie lächelt aber ihr Geist scheint gebrochen. Der Radiosender wechselt von „easy like a sunday morning“ zu schwerer Rapmusik. Wir verlassen das Haus und treten hinaus auf die Straße, während sich ein kleiner zerzauster Welpe durch die Beine hindurch schlängelt. Es ist mittlerweile 5 Uhr, die Sonne steht schon tief und warnt uns, dass es Zeit ist zu gehen. Lavender Hill ist kein sicherer Ort, wenn sich die Dunkelheit breit macht. Durch die eingeschränkte Sicht bieten sich nur noch mehr Möglichkeiten Opfer der hier herrschenden Gewalt zu werden. Sharmey steht im Türrahmen und sieht uns zu, wie wir uns auf den Weg zu unserem Auto machen. Ein paar ältere Jungen lauern in der Ecke und zünden Feuerkracher, dabei zucken die spielenden Mädchen zusammen und beginnen zu rennen. Sie sind es gewohnt, es ist ihre Normalität, denn eine Schießerei zwischen den Gangs kann jederzeit ohne Weiteres eröffnet werden. Nicht selten werden dabei unschuldige, spielende Kinder zum Opfer wilder Querschläger. Wir steigen in das Auto ein und Lucinda sitzt im Fahrersitz, das Steuerrad fest umklammert. Langsam rollt der alte VW die schottrige Straße entlang, der Umriss des goldenen Erdballs lässt sich im Rückspiegel ausmachen. Kinder werfen mit Steinen auf die Autohaube und hängen sich an das Heck, weshalb der VW nur noch schleppend voran kommt. Sharmey ist mittlerweile in ihre Wellblechhütte zurück gekehrt. Wir nähern uns langsam einem Ausgang, biegen rechts auf der Hauptstraße ab und folgen dem Highway Richtung Capetown City Center. Durch die Scheiben lässt sich eine Veränderung der Szenerie erkennen – von Wellblechhütten zu Villas, einem Viertel nach dem Anderen – wie ein Videoclip der rasant die Location wechselt. Die Stimmung ist gedämpft, was durch das Einbrechen der Dunkelheit unterstrichen wird. Wir können Lavender Hill mit einer 10 Minütigen Autofahrt hinter uns lassen. Doch Sharmey kann es nicht und auch nicht die Kinder die heute Nacht unbeaufsichtigt durch die Gassen des Townships laufen werden.

 

Falls jemand Lucinda kontaktieren oder spenden möchte, was der NGO helfen würde, hier die Contact details:

 

Lucinda Evans
Lavender Hill Office
69 Hilary Drive
Lavender Hill, Cape Town
oder
Grassy Park Office
CAFDA Family Center
Corner of 8th and Prince George Dr.
Grassy Park, Cape Town


Telephone +27 (0) 734244665
Telephone +27 (0) 762703050



Madeleine Londene studiert im 5. Semester Politik und Soziologie an der Universität Augsburg. Nebenher schreibt sie für das Hochschulmagazin Presstige und für die Augsburger Allgemeine und verfolgt somit ihre Leidenschaft für das journalistische Handwerk. Momentan wohnt sie für ein paar Monate im wunderschönen Kapstadt, da sie hier ein soziales Praktikum bei der NGO Philisa Abafazi Bethu in einem der Townships ableistet.  





 

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