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Samstag, den 30. Oktober 2010 um 12:43 Uhr

Die Hoffnung darf nicht sterben

Schwester Electa Wild Schwester Electa Wild
Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart

Franziskanerin von Sießen organisiert Aidshilfe im Erzbistum Bloemfontein

71 Jahre - und kein bisschen müde! Diesen Eindruck bekommt man unweigerlich, wenn man, wie Domkapitular Heinz Detlef Stäps und seine Mitarbeiter aus der Hauptabteilung Weltkirche, Schwester Electa Wild einen Tag bei ihrer Arbeit im Township Chris Hani bei Bloemfontein in der Provinz Free State in Südafrika begleiten kann.

Vom „Lesedi Centre of Hope“ aus leitet die aus Reinstetten bei Biberach stammende Franziskanerin in schier unermüdlichem Einsatz die Betreuung der Menschen in der Erzdiözese Bloemfontein, die mit HIV/Aids leben - und das sind schätzungsweise 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das Zentrum wurde 2005 zusammen mit dem „House of St. Francis“, dem Schwesternhaus, auf einem Grundstück am Rande des Townships, dem Brennpunkt der Aidsarbeit, erbaut und dient dort als Schaltstelle für die Planung, Koordination und Logistik der gesamten Aidshilfe in der Erzdiözese.

Der Tag fängt für Schwester Electa und ihre Mitschwestern in aller Herrgottsfrühe an mit der Laudes und der Feier der Heiligen Messe, der praktischerweise der Pfarrer der auf der anderen Straßenseite liegenden Kirchengemeinde „Christus, Licht der Völker“, vorsteht. Er heißt Alois Ganserer und ist ein Priester aus Bamberg, den die dortige Erzdiözese ihrer unter noch größerem Priestermangel leidenden südafrikanischen Schwesterkirche auf unbestimmte Zeit ausgeliehen hat. Der bayerische „Father Aloysius“ wird aber auch in vielfältiger anderer Weise von der resoluten schwäbischen „Sister Electa“ zu Hilfe gerufen.

Bei der allmorgendlichen Lagebesprechung im zentralen Büro ist er allerdings nicht dabei; im Gegensatz zu den Assistentinnen von Schwester Electa und einigen ihrer „Home-Care-Givers“. Das sind überwiegend Frauen, teilweise selber HIV-positiv, die für ein bescheidenes Salär von 75 ‚Ǩ im Monat jeweils ca. zehn Aids-Erkrankten im so genannten vierten Stadium, die nur noch zuhause betreut werden können, tagtäglich die erforderliche Pflege und menschliche Zuwendung angedeihen lassen. Mehr als 60 von diesen unverzichtbaren Helferinnen für die Versorgung der todgeweihten und schwerstleidenden Aidskranken, die oftmals keine Angehörigen mehr haben, hat Schwester Electa inzwischen ausbilden lassen. Sie pflegen, füttern, trösten die Kranken, erledigen Botengänge und Amtsgeschäfte für sie, geben ihnen ihre Medikamente und die Dosis Hoffnung, die sie möglicherweise den Tag noch am Leben erhält.

Heute ist unter den Home-Care-Givers auch eine Frau, die selber schwer vom Schicksal gezeichnet ist. Vor fünf Jahren selbst HIV-positiv getestet, verließ sie danach ihr Mann, verlor sie das jüngere ihrer beiden Kinder, für die sie fortan alleine zu sorgen hatte, an AIDS, wie Schwester Electa vermutet, und erkrankte schließlich an Krebs. Nach der erfolgten, schweren Chemotherapie konnten die behandelnden √Ñrzte das AIDS-Virus in ihrem Blut nicht mehr finden. Da aber ihre Krankenakten verschwunden sind, gelingt der Nachweis nicht, ob es sich schlicht um Schlamperei, Verwechslung von Patientendaten oder ein Mirakel handelt. Ein wahres Wunder ist es allerdings, dass diese Frau, trotz aller ihr widerfahrenen Schicksalsschläge und aller existenziellen Unsicherheit über ihren eigenen Zustand noch die Kraft aufbringt, diese psychisch in höchstem Maße belastende häusliche Krankenpflege zu leisten. Und das hat zweifelsohne mit Schwester Electas Charisma zu tun.

Nachdem für alle das Tagesprogramm abgesprochen ist, geht es auch für die Franziskanerschwester auf Tour, auf der wir sie begleiten dürfen. Erste Station im Township, also einem Armutsviertel mit ausschließlich schwarzer Bevölkerung, ist eines jener Streichholzschachteln ähnelnden Häuser, von dem sie weiß, dass die dort lebende, alleinerziehende aidskranke Mutter zweier halbwüchsiger Kinder zu stationärer Behandlung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die lethargische, kaum ansprechbare zwölfjährige Tochter wird prompt zuhause angetroffen, statt in der Schule zu sein; ihr jüngerer Bruder lungert draußen am Häuschen herum. Schwester Electa redet mit Engelszungen und großem Einfühlungsvermögen auf das Mädchen ein - zum Glück spricht sie die Sprache der Einheimischen perfekt -, versucht sie und ihren Bruder zum Schulbesuch zu bewegen und gibt erst auf, als eine junge Frau von Gegenüber auftaucht, die selber gerne „Home-Care-Giver“ im Lesedi-Team werden würde, es aber noch nicht kann, weil ihr als ausländischem Flüchtling noch die Arbeitserlaubnis in Südafrika fehlt. Sie verspricht, ihr Möglichstes zu tun und bei den Kindern zu bleiben.

Ihren nächsten Schützling besucht Schwester Electa beinahe täglich, so sehr ist sie ihr ans Herz gewachsen. Es ist eine junge Frau, die ihr Schicksal dem Vergewaltiger ihrer mit ihr schwangeren Mutter verdankt, der ihr nach vollbrachter Untat noch mit einem langen Messer in den Leib stach, um sie zu töten. Die Mutter überlebte aber und brachte die Tochter schwerstbehindert an Geist und Körper zur Welt. Die inzwischen 26-Jährige, verkrüppelt an Armen, Händen, Beinen und Füßen und auf dem Entwicklungsstand eines Kindes, ist völlig auf die Hilfe ihrer Mutter und ihrer Geschwister angewiesen. Doch gerät sie jedes Mal ganz außer sich vor Freude, wenn Schwester Electa zu ihr ans Bett kommt, sie bei den  Händen fasst, mit ihr und für sie betet, mit ihr scherzt und lacht, und ihr eine Kleinigkeit, seien es Süßigkeiten oder ein Spielzeug, dalässt.

Nicht weit entfernt davon lebt eine 21-Jährige Aidskranke mit ihrer Mutter. Als wir zu ihr kommen, war ihre Home-Care-Betreuerin bereits bei ihr gewesen, und der Mutter beim Waschen, Windeln-Wechseln und Wunden-Pflegen schon zur Hand gegangen. Die junge Frau hat Tuberkulose bekommen, und schon mehrere Schlaganfälle erlitten. Aufgrund ihrer Kraftlosigkeit, Muskelschwäche und vom langen Liegen hat sie sich wund gelegen, die Füße sind einzige offene Wunden. Dennoch verlangt die Behörde, um ihren Pflegezustand zu prüfen und ihrem Anspruch auf wenigstens ein bisschen Pflegegeld statt zu geben, dass sie sich beim Amtsarzt selber vorstellt. Schwester Electa hat sich vielfach bemüht, dagegen vorzugehen, zumal die Behörde über mobile Untersuchungsteams verfügt; aber vergeblich. Nun hat sie zumindest einen Termin aushandeln können, empörenderweise erst für den 7. November. Sollte die junge Frau dann noch leben, wird es natürlich Schwester Electa selber sein, die mit dem Ambulanzfahrzeug des Lesedi-Zentrums anrückt, um sie auf ihren Amtsarztbesuchen zu begleiten und ihr beizustehen.

Im Weggehen wird Schwester Electa über ihr Mobiltelefon zum nahegelegenen städtischen Krankenhaus gerufen. Eine andere junge Frau, ebenfalls an Aids erkrankt, tuberkulosekrank und von Schlaganfällen gezeichnet, sitzt nach erfolgter Untersuchung in einem krankenhauseigenen Rollstuhl, der anderweitig benötigt werde, und muss abgeholt werden. Natürlich fahren wir sofort dorthin, und während Schwester Electa die Abholung telefonisch mit dem Lesedi-Zentrum abspricht, holt jemand ein „süßes Stückle“, weil die hilfebedürftige junge Frau auch Diabetes hat und akut an Unterzuckerung leidet. Zum Glück kommt schon wenig später der Lesedi-Mitarbeiter mit Pampers und einer Ration besonders nahrhafter und proteinhaltiger Lebensmittel, die vom Zentrum aus an alle HIV/AIDS-Patienten verteilt werden, um sie nach Hause und zu den Angehörigen zu bringen.

Wo wir schon einmal am Krankenhaus sind, will die diözesane AIDS-Koordinatorin von Bloemfontein die Gelegenheit nutzen, um mit dem zuständigen Facharzt ein paar Grundsatzfragen zu klären. Der hat jedoch keine Zeit, und dass Patienten Vorrang haben vor allem anderen, dafür hat keiner mehr Verständnis als Schwester Electa. Also fahren wir zurück ins „Lesedi Zentrum der Hoffnung“. Doch während wir uns bemühen können, die psychischen Strapazen des Tages im gegenüberliegenden Pfarrhaus zu verarbeiten, muss Schwester Electa noch versuchen, die bürokratischen Hürden zu überwinden, um den vielen Notleidenden im Township Chris Hani die Hoffnung zu geben, aus der sie trotz ihrer schweren Krankheit doch tagtäglich neue Kraft schöpfen können.

Aktuell hat Schwester Electa ganz besonders damit zu kämpfen, dass der „Global AIDS-Fund“ der Vereinten Nationen, vorgeblich aus Mangeln an Mitteln, die Unterstützung von Home-Care-Programmen einstellt. Für die Erzdiözese Bloemfontein geht es dabei um einen Betrag von nur rund 45.000 ‚Ǩ im Jahr, an dem für die betroffenen Menschen jedoch so unglaublich viel hängt. Unvorstellbar, dass von Schwester Electa aufgebaute Netzwerk zur Betreuung Schwerstkranker bräche zusammen! Mit viel Mühe und √úberredungskünsten hat sie es einstweilen erreichen können, die Finanzierung für 2011 über die eigene franziskanische Gemeinschaft zu sichern. Für 2012 steht aber noch gar nichts. So verwundert es uns nicht, dass Schwester Electa, die im kommenden Jahr 50 Jahre in Südafrika sein wird, am Abend, als wir uns zum Essen wiedersehen, Gott darum bittet, dass sie weiterhin die Kraft haben wird, den Menschen glaubhaft Mut und Hoffnung zu vermitteln und dass Gott ihnen beistehen wird.

Ein Bericht der Hauptabteilung X - Weltkirche

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